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48 Stunden in Marseille: Die unerwartete Reiseroute

15. Oktober 2025


Man kommt von oben nach Marseille. Immer.

Der Zug fährt in den Bahnhof Saint-Charles ein, und schon in den ersten Minuten bietet die Stadt ein Spektakel. Monumentale Treppen führen hinunter zum Meer, die Geräusche der Motorroller vermischen sich mit den Rufen der Straßenhändler – und schon beginnt die Reise. Zwei Tage reichen kaum aus, um die Kontraste dieser Stadt zu erfassen, aber sie eröffnen eine Auszeit, aus der man immer ein wenig verändert zurückkehrt.

Am ersten Morgen sollte man zu Fuß nach Noailles hinuntergehen, dem Herzen Marseilles, wo sich der Orient und das Mittelmeer in einem bunten Tumult begegnen. Gewürzpyramiden, Stände mit leuchtenden Früchten und getrockneten Kräutern, die über den Verkaufsständen hängen, prägen das Bild. Hier strahlt alles Überfluss und Lebendigkeit aus. Man kauft sich einen starken Kaffee in einem Plastikbecher, verliert sich absichtlich in den Gassen – und schon ist man auf einer Reise innerhalb der Reise.

Nur wenige Schritte entfernt steht der Palais Longchamp, der mit seiner romantisch-strengen Architektur einen Kontrast zu den engen Gassen bildet. Am späten Vormittag, wenn die Familien den Flaneuren Platz machen, steigt man hinauf. Die Becken reflektieren das Licht des großzügigen Südens. Hier wird Marseille kontemplativer, beinahe klassisch.

Der Nachmittag ruft nach Wasser. Je nach Laune wählt man entweder L’Estaque mit seinen Cabanons, seinen Pommes aus Panisses und den von Cézanne gemalten Landschaften oder Malmousque, diesen geheimen Weiler am Meer, wo man in eine kleine, vor der Welt abgeschirmte Calanque eintauchen kann. Diese Orte vermitteln eine einfache Wahrheit: Marseille gehört nicht nur den Postkarten – man erlebt die Stadt in ihren Zwischenräumen.

Der zweite Tag beginnt ruhiger. Wir überqueren den Cours Julien, das Reich der Graffitis und der Bohème-Terrassen. Dort essen wir einen Teller mit gegrilltem Tintenfisch und sehen dabei Studenten, Musikern und Träumern zu. Danach gehen wir weiter zum MUCEM, dessen Metallstege einen atemberaubenden Blick auf den Hafen und das unendliche Meer bieten.

Am Abend kehrt man unweigerlich zum Alten Hafen zurück. Die Segelboote schaukeln im orangefarbenen Licht und die Fischer verkaufen ihre Doraden noch immer direkt aus den Kisten. Man setzt sich auf die Terrasse, bestellt ein Glas Weißwein oder einen Pastis und versteht, warum so viele Reisende seit jeher hier Halt machen, ohne jemals wirklich wieder abzureisen.

Marseille in 48 Stunden ist nur ein kleiner Einblick. Doch wie jeder Einblick enthält auch dieser bereits das Wesentliche: die rohe Kraft, die unvollkommene Schönheit und die überschäumende Energie. Zwei Tage reichen aus, damit sich die Stadt unauslöschlich ins Gedächtnis des Reisenden einprägt.

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